| Interview des Monats |
An dieser Stelle werden in lockerer Reihenfolge Interviews mit Kulturschaffenden, KünstlerInnen und PolitikerInnen veröffentlicht |

Ausbildung ohne Bildung ist eine Grundlage zur Barbarei
Neville Alexander gehört zu den angesehensten Intellektuellen Südafrikas. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat fast vierzig Jahre seines Lebens dem Kampf gegen die Apartheid gewidmet. Das Massaker von Sharpeville bewog den jungen Akademiker, den gewaltfreien Widerstand aufzugeben und eine Guerillabewegung zu gründen. Nach seiner Verhaftung wurde er wie viele Widerstandskämpfer auf Robben Island inhaftiert, wo er auf Nelson Mandela und seine Gefährten traf. In den zehn gemeinsamen Jahren wurden nach anfänglicher Skepsis Überlebensstrategien entwickelt, Fortbildungen organisiert und demokratische Regierungskonzepte entwickelt. Nach der gewaltfreien Regierungsübernahme Mandelas entwickelte Neville Alexander mit den ANC-Führern Konzepte einer zukünftigen Bildungspolitik für Südafrika. Keine leichte Aufgabe angesichts von mehr als zehn gesprochenen Sprachen und des Ringens um eine gemeinsame Identität von Weißen, Farbigen, Asiaten und Afrikanern.
Neville Alexander ist derzeitiger Direktor der Bildungsinstitution PRAESA (Project for the study of alternative education in South Africa). Er lebt und arbeitet in Kapstadt, Forschungsarbeiten führen ihn immer wieder nach Deutschland.
PRAESA im Internet: http://web.uct.ac.za/depts/praesa/st.html
Herr Alexander, die meistgestellte Frage an Sie dürfte wohl immer noch lauten: Wie kam beziehungsweise. wie war das damals, mit Nelson Mandela auf Robben Island...?
Das fängt 1960 mit dem Massaker von Sharpeville an, als sich nahezu die gesamte Befreiungsbewegung den Waffen zuwandte. Wir hatten damals die Hoffnung verloren, mit friedlichen Mitteln etwas erreichen zu können. Bald wurden wir aber von der Polizei entdeckt. 1964 wurde ich zusammen mit fünf anderen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis haben wir dann Personen wie Nelson Mandela kennen gelernt. Wir hatten bis dahin wenig mit dem ANC zu tun, weil wir aus einer anderen, einer quasi marxistischen, aber keiner eigentlich revolutionären Bewegung kamen. Diese Personen haben schon Eindruck auf uns gemacht, weil sie aufrichtig, glaubwürdig und opferbereit waren.
Sie gelten als kritischer Beobachter Ihres Landes. In Interviews haben Sie mehrfach darauf hingewiesen, dass zwar der qua Gesetz verordnete Rassismus abgeschafft sei, in der Praxis und in den Köpfen sich jedoch wenig, auf jeden Fall zu wenig, geändert habe. Wie ist Ihre aktuelle Sicht der Dinge?
Das sehe ich immer noch so. Die grundsätzlichen Mechanismen haben sich wenig verändert. Die jetzige Regierung versucht zwar eine Umverteilung in Richtung einer schwarzen Mittelschicht, aber mehr als einige tausend Menschen sind das nicht. Und ich bin sehr skeptisch, wenn es in Richtung einer schwarzen Bourgeousie geht, ob dies Sinn macht. Es ist sehr schwierig, die Lebensbedingungen der großen Masse der schwarzen Bevölkerung grundlegend zu verbessern, auch wenn viele soziale Fortschritte wie Zugangsmöglichkeiten zu Strom oder Bildung gelungen sind. Auf der anderen Seite sind viele bei einer Arbeitslosigkeit von fast 50% nicht in der Lage, ihre Stromrechnung oder ihre Miete zu bezahlen. Das ist eine Reform, die mit der einen Hand gibt und mit der anderen Hand wieder wegnimmt.
Übrigens: Man sollte seitens der Regierung auch sehr vorsichtig mit bestimmten Begrifflichkeiten wie Mischlingen oder Schwarzen umgehen, um rassistische Strukturen nicht zu verfestigen.
Sie sind derzeit Direktor der Bildungseinrichtung PRAESA in Kapstadt und beraten in dieser Funktion auch die südafrikanische Regierung in Erziehungs- bzw. Bildungsfragen. Was verbirgt sich hinter PRAESA?
Der Schwerpunkt unserer Aktivitäten liegt in der Sprachpolitik,
insbesondere auf Schulsprache und Sprachplanung, aber wir gestalten auch
andere Bereiche der Bildungspolitik mit. In erster Linie geht es darum,
wieder muttersprachlichen Unterricht anzubieten. Viele Schwarze sind zwar
dagegen, weil sie befürchten, dass der sogenannte Bantu-Unterricht wieder
eingeführt wird und damit der Versuch, eine Zweiklassengesellschaft
aufzuoktroyieren. Wir halten es aber für unabdingbar, weil die absolute
Mehrheit der schwarzen Jugendlichen nicht an eine gute Grundausbildung
herankommt. Desweiteren arbeiten wir an der Einrichtung eines bilingualen
Unterrichts, also muttersprachlich und englisch. Über das Wie beraten wir
derzeit.
In Deutschland wurde die Bildungspolitik jüngst durch die Ergebnisse der
Pisa-Studie in Höchstalarm versetzt. Wie ist der entsprechende Stand der
Dinge in Südafrika?
Grundsätzlich spielt immer das Problem herein, dass um es plakativ zu
formulieren das Bildungssystem Südafrikas elitär ist: Die meisten
schwarzen Kinder gehen auf Township-Schulen, wo die Ressourcen knapp sind,
während die meisten weißen Kinder auf Privatschulen gehen, wo es natürlich
eine deutlich bessere Ausbildung gibt. Und das bisherige Bildungssystem
bevorteilt die Oberschicht, um Bereiche wie Wissenschaft zu beherrschen und
den Industriestaat zu führen. Das halten wir auch insofern für
problematisch, weil der zusätzliche Bedarf mit Menschen aus dem Ausland
gedeckt wird anstatt den eigenen Nachwuchs auszubilden. Viele meinen immer
noch, dass wir diese Zweiklassengesellschaft beibehalten sollten. Ein wenig
die Chancengleichheit verbessern sei ok, aber Chancengleichheit für alle,
das soll nicht sein. Deswegen versuchen wir grundsätzlich, langfristige
Pläne und Perspektiven zu entwickeln, um die Chancengleichheit von unten zu
befördern. Das ist der eigentliche Kampf im bildungspolitischen Bereich.
Bildung - und damit auch untrennbar verbunden - Kunst und Kultur sind
zweifelsohne wichtige Zukunftsinvestitionen. Dennoch werden in Südafrika
derzeit nicht wenige große Kultureinrichtungen mangels Finanzen geschlossen.
Wie stehen Sie dazu?
Ich halte das für einen sehr großen Fehler. Es ist, wie Brecht schon
sagte: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Es heißt immer, wir müssen
sparen und in die wichtigen Bereiche investieren. Aber wenn wir wirklich
Perspektiven entwickeln wollen, müssen wir umso stärker in Bildung und
Kultur investieren. Und investiert werden sollte nicht nur von staatlicher,
sondern auch von unternehmerischer Seite. Zum Beispiel Sponsoring, was es
früher in Südafrika vergleichsweise häufig gab. Das ist in den letzten
Jahren leider zurückgegangen, ich vermute, auch deshalb, weil sich der Staat
aus seiner Vorbildrolle zurückgezogen hat.
Grundsätzlich sollten wir weniger in Rüstung, sondern viel mehr in Bildung
und Kultur investieren. Denn eine Ausbildung ohne Bildung ist im Grunde
genommen eine Grundlage zur Barbarei.
In Deutschland gibt es neben vielen staatlichen Kulturträgern annähernd 500
freie soziokulturelle Zentren, die eine große kulturelle Vielfalt an Kultur
von unten gewährleisten und die sich als Orte für Kooperation und
Partizipation verstehen. Gibt es Ähnliches in Südafrika?
Vergleichbares gibt es nicht, weil wir eine andere Geschichte haben. Es
gibt solche Ansätze im Bereich der NGOs, also der Non Gouvernment
Organizsations, die aus der Antiapartheidsbewegung hervorgegangen sind.
Einige davon haben ein Umfeld, z.B. ein kirchliches, das ihnen eine
bescheidene finanzielle Freiheit ermöglicht. Die meisten arbeiten aber
leider am Rande des Existenzminimums. Das ist sehr schade, weil hier
wichtige Aufgaben wahrgenommen werden.
Ein weiterer guter Ansatz sind übrigens Community Radios, vergleichbar mit
den Freien Radios in Deutschland, wo viele Menschen mit unterschiedlichen
Interessen auf Sendung gehen. An dieser Stelle muss man schon anerkennen,
dass das neue Südafrika diese Art von Demokratie fördert.
Sie sind ein Pendler zwischen Kulturen und Kontinenten. Was ge- und was
missfällt Ihnen mit dem Blick des vertrauten Fremden an Deutschland?
Ich glaube schon, Deutschland einigermaßen gut zu kennen. Immerhin bin
ich seit 1958 oft hier gewesen. Um mit dem Negativen anzufangen; mir
missfallen vor allem zwei Dinge. Das eine ist dieser höchst moderne
Konsumwahnsinn. Den haben wir bereits auch ansatzweise in Johannesburg, aber
bei weiten nicht in dieser Intensität. Damit einher gehen oft Anonymität und
Egozentrismen als Schutzfunktion vor der massenhaften Überflutung.
Vielleicht fällt mir das auch deshalb so stark auf, weil ich auf Robben
Island diesen Massenphänomenen entzogen war.
Vor allem aber missfällt mir dieses Gefühl der Entfremdung, was ich oft auf
Rassismus zurückführe. Das ist sicherlich nicht in allen Fällen
gerechtfertigt, aber es gibt ein hohes Maß an Distanz, vielleicht wäre es
mit Bürokratismus auch treffender umschrieben. Aber als schwarzer Afrikaner
kann man sich diesen Eindrücken leider nicht immer entziehen.
Ansonsten aber fühle ich mich in Deutschland sehr wohl. Obwohl ich fürchte,
dass sich die Fremdenfeindlichkeit gesteigert hat. Das ist aber kein
deutsches Problem allein, das ist in Frankreich oder England leider ähnlich.
Alles in allem halte ich Deutschland, auch verglichen mit Afrika, für eine
der humansten Gesellschaften. Aber so weit wie Goethe Hier bin ich
Mensch, hier darf ich´s sein würde ich nicht gehen.
Im November vergangenen Jahres waren Sie neben Günther Grass und vielen
anderen Erstunterzeichner einer internationalen Resolution gegen den Krieg
in Afghanistan. Mittlerweile geht der Krieg weiter, ohne jedoch permanent in
den Schlagzeilen zu sein, und die Abordnung von Bundeswehreinheiten durch
den Bundestag in Krisengebiete wird schon fast zur Routine. Müssen wir uns
an den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln gewöhnen?
Ich glaube schon, dass dieser sogenannte Krieg gegen den Terror
insofern bedenkenswert ist, weil sehr stark der Rüstungsindustrie
zugearbeitet wird. Die historische Gelegenheit, sich nicht kriegerisch in
Konflikte zu begeben, ist somit leider vertan worden. Das hat für mich -
gerade auch in Bezug auf Deutschland - etwas Mephistotelisches, nämlich dass
aus etwas Bösem Nazideutschland etwas Gutes die Nachkriegsdemokratie
geworden war. Aber wir wissen, dass sich derartige Entwicklungen auch wieder
zum Negativen ändern können. Insofern halte ich die Entscheidung für diesen
Krieg für ein Desaster.
Kommen wir zu einem anderen Thema: Wenn man zu Ihrem Namen im Internet
recherchiert, stößt man auch auf den britischen Fußballer Gary Alexander
Neville. Sowohl in Südafrika wie in Deutschland herrscht bekanntermaßen sehr
große Fußballbegeisterung. Wie beurteilen Sie die Entscheidung des
Fußballweltverbandes, die WM 2006 nicht nach Südafrika und damit zum ersten
Mal auf afrikanischen Boden, sondern zum zweiten Mal nach 1974 nach
Deutschland zu vergeben?
Ich bin kein Fußball-Fan, ich mag eher Rugby. Aber unabhängig davon: In
Südafrika standen die kritischen Schichten der Austragung der WM eher
kritisch gegenüber, weil sie einerseits größtenteils fremdbestimmt ist und
andererseits auch der wirtschaftliche Nutzen zumindest fragwürdig ist.
Aber als Rugbyfreund ist mir das weitestgehend egal. Oder wie der Schwabe
sagen würde: Ist mir wurscht.
Herr Alexander, wir danken für das Gespräch.
Das Gespräch führte Bernd Hesse am 27. April 2002
am Rande des internationalen Symposiums
Schlechte Zeiten für gute Musik? Die Vertreibung
der Musik aus der Gesellschaft
in Frankfurt/M., das von der
Projektgruppe Kultur im Ghetto organisiert wurde.
© LAKS Hessen, 2002
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© Soziokultur Online 2003 (LAKS Hessen e.V., www.laks.de) |
