„Poetry Slam ist Rock´n Roll für Unmusikalische“

Felix Römer / Andrea Römer (Schlüsselblume e.V.)

Poetry Slam ist eines DER erfolgreichsten neuen Kulturformate der vergangenen Jahre. Im Gespräch mit der LAKS äußern sich Slammer Felix Römer sowie Veranstalterin Andrea Römer über die Bedeutung, Möglichkeiten und Perspektiven von Poetry Slam oder die Rolle von soziokulturellen Zentren für die Szene.  

Felix, zum Einstieg in kurzen Worten: Was ist Poetry Slam, worum geht es?

Felix: Poetry Slam ist ein von Marc Kelly Smith erfundenes Veranstaltungsformat, bei dem Menschen die Möglichkeit haben, selbstverfasste Texte, die einen gewissen Zeitrahmen nicht überschreiten, auf der Bühne vorzutragen. Das muss ohne Zuhilfenahme von Kostümen oder Requisiten geschehen. Und am Ende der Veranstaltung wird eine/r zum Sieger gekürt.  Es geht nicht nur um den Text, sondern auch darum, einen geeigneten Vortrag zu finden.

Einerseits wurde in den letzten Jahren durch mail, sms, Twitter oder durch die zunehmende Verwendung von Anglizismen der Verfall der deutschen Sprache in Richtung eines zunehmend restringierten Sprachcodes kulturpessimistisch beklagt. Andererseits hat sich parallel nicht zuletzt über die Poetry Slam-Szene der sehr kreative Umgang mit der und die Lust auf eben diesen kreativen Umgang mit der deutschen Sprache weiter entwickelt. Und diese Szene findet mittlerweile eine sehr große Resonanz bei einem überwiegend jungen Publikum. Von der Off-Kultur zum Bildungsträger?

Felix: Die Slam PoetInnen stoßen auch darum auf so große Resonanz, weil sie genau diese Veränderungen der deutschen Sprache nicht kulturpessimistisch betrachten, sondern ganz selbstverständlich mit nutzen, da es ein Teil ihres Ausdrucks ist. Sie machen deutlich, dass der Spaß am Wort und nicht im Gegensatz dazu stehen muss. Selbstverständlich ist Poetry Slam darum ein sehr geeigneter Bildungsträger, der leicht zugänglich ist und eine immense Fülle an Inhalten bietet. Es gelingt, durch Slam die Lust an Sprache zu wecken. Das ist das wichtigste.

Eine geschlossene Off-Kultur wollten wir niemals sein. Es sei denn, dies ist kein Anglizismus und „Off“ kommt von "offen". Dann stimmt es wieder.

Wie überall im Leben gibt es natürlich auch Kritiker, zum Beispiel aus dem „seriösen“ Literaturbetrieb: Poetry Slam sei deswegen erfolgreich, weil es durch die Kürze und die Eventisierung der Beiträge durch die begleitende Performance auf die kurze Aufmerksamkeitsspanne eines Medienhäppchen gewohnten Publikums zugeschnitten sei. Andere wie der amerikanische Dichter und Poesie-Aktivist Bob Holman dagegen behaupten: „Slam ist das Paradebeispiel für die Demokratisierung der Kunst.“ Wie siehst du das?

Felix: Poetry Slam ist absolut seriös. Die Veranstaltungen und teilweise auch Veröffentlichungen müssen sich vor niemandem verstecken. Man darf den Slam da nicht unnötig in Konkurrenz setzen oder vergleichen. Ich kann auch Synchronschwimmen nicht mit Basketball vergleichen und mich nicht beschweren, dass die im Wasser keinen Ball verwenden, obwohl beides Sport ist.

Poetry Slam ist eine unglaublich demokratische Veranstaltung,  weil jede und jeder  mitmachen kann, und eine ganz herrlich anarchistische, weil jeder auf der Bühne das machen darf, was er möchte. Schwierig finde ich es dann, wenn ich PoetInnen sehe, die nicht das machen, was sie möchten, sondern das, was scheinbar erwartet wird. Die Erfahrung zeigt aber glücklicherweise, dass sich hier das Authentische durchsetzt.

Zu dir persönlich: Wie bist du dazu gekommen? Was hat sich für dich mittlerweile daraus entwickelt? Und – du bist ja auch Vater - kann man davon leben?

Felix: Ich habe 1999 im Cafe Atlantik in Freiburg zum ersten Mal einen Slam als Zuschauer besucht und hatte kurz darauf  auch selbst meine Slampremiere. Es hat einfach unfassbar viel Spaß gemacht und Möglichkeiten geboten und war von da an mein liebstes Hobby. Daraus ist inzwischen mein Beruf geworden und ich habe durch Slam auch ein bisschen meine Berufung gefunden, die sich allerdings neben der Bühne abspielt. Man kann davon Vater werden!

Künstler und neue Formate brauchen Frei-Räume oder Netzwerke, um sich erproben und weiter entwickeln zu können. Welche Bedeutung für die Poetry Slam Szene haben die soziokulturellen Zentren in Hessen, wie das KFZ Marburg,  Kulturfabrik Salzmann, Kulturpalast Wiesbaden mit kids poetry slam, Schlachthof Wiesbaden oder die Schlüsselblume?

Felix: Mit allen diesen Zentren teile ich wundervolle Erinnerungen und/oder mache sehr schöne Projekte. Sie waren und sind absolut wichtig und nicht zu ersetzen. Weil sie zum einen natürlich die Räume dafür bieten und zum anderen dort Menschen wirken, die gerade einem unbedarften kulturellen Springinsfeld so unter die Arme greifen, dass seine Projekte überhaupt durchführbar werden und funktionieren.

Andrea, du bist bei der Schlüsselblume e.V. im nordhessischen Eschwege aktiv. Ein Schwerpunkt liegt bei Offenen Bühnen und Poetry Slams. Wie seid ihr dazu gekommen, wer seid ihr, und was macht ihr noch so?

Andrea: Unser Verein wurde 2007 aus dem wörtlichen Gedanken der tatsächlichen „Gemeinnützigkeit“ heraus gegründet. Wir haben 2005 zu dritt einen alten Gasthof in Niederhone gekauft und überlegten, wie wir den Saal am besten nutzen und auch anderen zur Nutzung überlassen könnten. Als wir uns dann 2006 mit einem Sommerfest im Dorf vorstellten, hatten wir zufällig einige SlammerInnen und Musiker aus Berlin, Marburg und Freiburg zu Besuch und organisierten abends spontan den ersten Eschweger Poetry Slam (den übrigens Felix Römer und Frank Klötgen gewannen). Das kam so gut an, dass wir im Januar 2007 mit 7 Gründungsmitgliedern den Verein „Schlüsselblume e.V.“ gründeten und damit gerade auch regelmäßigen Slamveranstaltungen eine Chance geben wollten.  

Wir kommen alle aus Marburg und waren auch dort schon in der Lesebühnen- und Slamszene aktiv, so dass wir bereits gute Kontakte in der nationalen und internationalen SlammerInnenszene hatten.

Daneben wollten wir von Anfang an unsere Räumlichkeiten und unser know-how auch anderen zur Verfügung stellen, um Interessengemeinschaften zu bilden, gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren oder Workshops anzubieten. Das hat sich als recht schwierig herausgestellt: Nur wenige haben Lust, selbst etwas zu organisieren, die meisten möchten gesagt bekommen, was sie tun sollen. Diese Erkenntnis hat uns erst einmal überrascht aber wir mussten uns natürlich damit arrangieren.

Wo steht ihr mittlerweile?

Inzwischen ist unser Verein auf über 50 Mitglieder gewachsen, von denen etwa zehn bis fünfzehn überdauernd sehr aktiv sind. Wir bieten neben Poetry Slams und Lesebühnen inzwischen regelmäßig Spielabende, die Diskussionsrunde „BE-SPRECH-BAR“ und das Sommerfest an. Dazu kommen jedes Jahr mindestens zwei Soloveranstaltungen mit KünstlerInnen aus der Spoken Word Szene und (fast) jedes Jahr ein Workshopprojekt rund um Schreiben und Literatur. In diesem Jahr wird es ein Schreibworkshop für Liedermacher sein. Weiter versuchen wir durch wechselnde Angebote für alle Generationen immer wieder herauszufinden, was die Leute vor Ort  möchten. Wir verstehen uns nicht als „Kulturanbieter“, die mit anderen in Konkurrenz gehen wollen: Was andere schon anbieten, müssen wir nicht noch tun.

Mit unserem Schwerpunkt Poetry Slam/Literatur/Schreiben sind wir inzwischen auch „außerhäuslich“ aktiv geworden. Außer dem Hessenslam und den 1. Nordhessischen Poetry Slam Schulmeisterschaften haben wir bereits zwei Mal einen hessenweiten Schreibwettbewerb für den Werra-Meißner-Kreis zum Tag für die Literatur organisiert.  Und seit drei Jahren organisieren wir die E-Werk-Bühne im Rahmen des Open Flair Festivals, was wahnsinnig aufwändig ist, aber unglaublich Spaß macht.

Bezogen auf die größeren Veranstaltungen wie den Hessenslam: Was sind eure Erfahrungen, was eure weiteren Planungen?

Andrea: Bei den Schulmeisterschaften sind wir immer wieder fasziniert von der Begeisterung und Kreativität der WorkshopteilnehmerInnen. Es ist einfach wunderbar zu sehen, wie konzentriert die SchülerInnen arbeiten, wie respektvoll sie miteinander umgehen und welche Wertschätzung sie sich entgegenbringen. Die Texte sind oft sehr persönlich und es ist unglaublich, wie offen und emotional sich die Jugendlichen auf der Bühne präsentieren. Bei den LehrerInnen ist es ganz ähnlich, wobei wir bedauert haben, dass häufig nur eine einzige Lehrkraft engagiert war und die SchülerInnen teilweise ohne Begleitung zum Finale anreisen mussten. Es gab natürlich auch Ausnahmen, wo ganze Schulen mit Begeisterung hinter dem Projekt standen.

Beim Hessenslam hatten wir das große Glück, mit dem Arbeitskreis Open Flair zusammen arbeiten zu können, der uns organisatorisch und finanziell sehr unterstützt hat. Die Rückmeldungen waren durchweg begeistert. Die SlammerInnenszene ist sehr familiär und im Rahmen des Open Flair Festivals fühlten sich alle sehr wohl. Im Unterschied zu den anderen Bühnen sind bei uns die KünstlerInnen „zum Anfassen“, es gibt nur selten „Allüren“. Auch untereinander respektieren sich alle, egal, ob sie zum ersten Mal dabei sind oder seit Jahren.

Bei beiden Projekten waren Organisation und Finanzierung für unseren kleinen und relativ jungen Verein sehr mühsam und überhaupt nur in diesem Rahmen möglich, weil wir den NVV/Cantus als starken Partner gewinnen konnten. Hier wurden wir nicht nur finanziell, sondern auch mit sehr viel ideellem Engagement unterstützt. Trotz allem Aufwand möchten wir wegen der vielen guten Erfahrungen mit den Sponsoren und  TeilnehmerInnen und dem großartigen Gefühl, wenn es „geschafft“ ist, gerne weitere große Projekte machen. Für 2013 haben wir Mitteldeutsche Poetry Slam Schulmeisterschaften im Rahmen des Nordhessischen Kultursommers vorgeplant und im Werra-Meißner-Kreis schwebt uns ein Inklusionsprojekt rund um Sprache/Schreiben/Performance vor. Wie immer steht und fällt aber alles mit einer gesicherten Finanzierung, die wir bei beiden Projekten noch nicht haben.

Zum Abschluss: Selbst der öffentlich rechtliche Rundfunk oder die Offizialpolitik, traditionell nicht zwingend die schnellsten oder feinfühligsten Seismographen bei Kunst und Kultur, haben Poetry Slam mittlerweile für sich entdeckt. Ist damit die „Idee / Bewegung Poetry Slam“ schon über ihren Zenit hinaus? Oder welche Perspektiven oder Formen der Weiterentwicklung siehst du / seht ihr?

Andrea: Das kommt darauf an, wo man den Zenit sieht! Tatsächlich führt die Frage der Kommerzialisierung des Poetry Slam auch innerhalb der Szene immer wieder zu heißen Diskussionen. Das Format ist einfach sehr medienkompatibel und wir sind ja auch durchaus froh, inzwischen eine breitere Öffentlichkeit erreicht zu haben. Genauso angenehm ist es, wenn SlammerInnen und ModeratiorInnen für ihre künstlerischen Leistungen eine angemessene finanzielle Entlohnung bekommen. Die Angst, damit eine Spaltung der Szene zu bewirken, stimmt nur bedingt:  Es gibt in der Tat immer wieder Kontroversen untereinander, was jetzt noch mit dem „Slamgedanken“  der Demokratisierung der Literatur vereinbar ist und wo es nur noch um den schnöden Mammon geht. Aber alleine die immer wieder geführten Diskussionen darüber zeigen meines Erachtens, dass die „Slamily“ sich weiter als Gemeinschaft fühlt und sich eine demokratische Basis erhalten hat. Wo ein junger Slammer einem „Urgestein“ der Szene seine Meinung sagt und der reagiert, ist Weiterentwicklung selbstverständlich. Und bei allem Hype: Jeder neue Slam in einem kleinen Dorf oder einer kleinen Kneipe ohne Budget, aber mit begeisterten AkteurInnen, bringt wieder die Faszination des Anfangs.

Ich persönlich sehe weniger eine Bedrohung der Idee, als vielmehr eine gewisse inhaltliche Stagnation im künstlerischen Output. Durch die breite Workshopbewegung orientieren sich die jungen Leute die in der Szene bleiben, häufig an bekannten Vorbildern. Bei U20-Slams hört man oft schon am Vortrag, an welchem Slamidol sich die SlammerInenn orientiert haben. Und das wird durch die Medialisierung natürlich forciert: wenn man auch mal von ZDF, ARTE oder WDR eingeladen werden möchte, kann man nicht einfach nur schreiben, was einem am Herzen liegt – man muss auch „ankommen“.

Gibt es noch etwas, das ihr an dieser Stelle loswerden wollt?

Andrea: Bei allem Erfolg und aller Schönheit des Poetry Slam sehen wir ihn doch in erster Linie als Mittel. Unser Ziel als Verein ist es, die Ressourcen von Menschen zu entdecken und zu fördern. Mit Poetry Slam in all seinen Variationen gelingt das erfahrungsgemäß sehr gut. Gerade SchülerInnen mit Handicaps im Lesen und Schreiben oder  mit Aufmerksamkeitsproblemen können beim Slam ihre Qualitäten zeigen und Freude an Sprache und Ausdruck gewinnen. Auch der respektvolle, wertschätzende Umgang miteinander ist etwas, was viele aus dem Alltag nicht kennen. In unseren Workshops geht es nicht darum, wie alt man ist, welche Bildung, welchen Beruf oder wie viel Geld man hat: Es geht immer nur um das gemeinsame Projekt. Und das ist auch unsere Vision für eine gesellschaftliche Entwicklung der globalisierten Welt: weg von der Förderung „Benachteiligter“, „Behinderter“ oder „Minderheiten“, die alleine durch diese Benennung schon stigmatisiert werden, hin zur Förderung ressourcenorientierter Projektgemeinschaften.

Andrea und Felix, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Spaß und gutes Gelingen!

 

Slam-Veranstaltungen in näherer Zukunft:

Crossover Mottoslam: Soziale Vernetzung

11. Slamrock Poetry Slam mit Felix Römer

12. Slamrock Poetry Slam mit Felix Römer

 

© LAKS Hessen e.V., 2012

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2012 LAKS Hessen e.V, www.laks.de