Weswegen wir angetreten sind

Interview mit Carsten Schack, Geschäftsführer des Kulturzentrums Schlachthof Wiesbaden

Hessens größtes soziokulturelles Zentrum, das Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden e.V., wird neu gebaut. Mit breiter Mehrheit hatte der Magistrat in Wiesbaden den Neubau beschlossen. Nachdem die alte Halle Ende letzten Jahres wegen Baufälligkeit geschlossen wurde, geht es nun mit voller Kraft in die Zukunft. Im Gespräch mit der LAKS äußert sich Carsten Schack über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Schlachthofs.

Carsten, die Stadt Wiesbaden hat sich klar und deutlich zum Schlachthof bekannt und nach intensiven und sicherlich nicht immer einfachen Debatten den Neubau und auch die damit verbundene Finanzierung beschlossen. Was bedeutet das für euch?

Nach Jahren der Krise und der existentiellen Bedrohung unseres Projektes - und auch unserer Arbeitsplätze - vor allem: Ein gutes Stück Planungssicherheit. Unsere Kreativität kann sich nun wieder auf das fokussieren, weswegen wir seit 16 Jahren am Start sind: Mit Kultur und Veranstaltungen vieler Art in die Gesellschaft hineinwirken. Nischen bieten, Neuland erkunden, aber auch Leuchttürme setzen. Aber: Mit diesem bemerkenswerten Engagement der Stadt Wiesbaden werden natürlich nicht nur 16 Jahre Schlachthof gewürdigt, sondern eben auch unsere Gäste, Mitstreiter und die Kultur, wie sie im Schlachthof stattfindet. Wir sind letztlich Stellvertreter, ein Akteur unter mehreren.

Der Neubau soll noch in 2012 fertig sein. Wie sehen die Planungen aus? Und was ist dann in der Zukunft für euch in diesen Räumen machbar?

Im Kern können wir unsere Arbeit zu den Bedingungen fortsetzen, wie sie von aktuellen und künftigen Produktionen abgefragt wird. Seit Jahren waren wir längst abgehängt und galten als "Bruchbude", bei dem nur die spürbare Leidenschaft aller Aktiven und das grandiose Publikum Grund zum Wiederkommen waren. Zweifellos, das alte Gebäude hatte Charme und jede Menge Patina - aber der Charme war schnell am Ende, wenn im Winter die Toiletten einfroren oder bei Regen sich Pfützen in der Halle verteilten. Von der Einhaltung der Versammlungsstättenverordnung ganz zu schweigen... Da wir ja nicht nur in einen Neubau direkt neben der alten Halle ziehen, sondern auch in einen noch zu sanierenden 120 Jahre alten und denkmalgeschützten Wasserturm, werden wir den Reiz von Backsteinen und alter Technik fortschreiben. Und im Neubau werden wir nicht nur Künstlern und Publikum ein sicheres und qualitatives Verweilen bieten können, sondern eben auch den Bands und KünstlerInnen in zwei Dutzend Proberäumen sowie einigen Ateliers. Die Außenflächen des Neubaus werden wir wieder zu Teilen als freie Graffitiflächen anbieten, hier gilt weiterhin: Claim your Kulturzentrum!

Seit November ist die bisherige große Halle geschlossen. Sitzt ihr also nun zu Hause auf dem Sofa und wartet ab? Was bedeutet die Umbauphase für eure MitarbeiterInnen, die etwa 50 Bands in den Probenräumen, eure Gastronomie und vor allem auch euer Publikum?

Unser Betrieb ist von Ende 2010 und das Jahr 2011 über in Kurzarbeit, etliche MitarbeiterInnen mussten wir entlassen oder deren Stundenzahl reduzieren. Für die, die noch da sind, ist das Volumen der zu erledigenden Arbeit nach oben gegangen, auch wenn die Stundenkontingente bei fast allen nach unten gingen. Ganz klar: Trotz Unterstützung durch die Stadt in dieser Übergangsphase müssen wir den Gürtel eng schnallen und hart arbeiten. Denn ein neues Gebäude beachtlichen Umfangs zu bauen und einen Relaunch eines ganzen Kulturzentrums durchzuführen ist ein Füllhorn zahlreicher Aufgaben - nicht wenige davon sind für uns Neuland. Der Stressfaktor ist also hoch, aber wir gehen wieder Richtung positiven Stress. Das fühlt sich definitiv besser an als noch im Jahr der Hallenschließung selber. Denn jetzt planen wir die Zukunft und schaffen die Bedingungen für das, weswegen wir angetreten sind: Mit Kultur in großer Bandbreite gesellschaftlich wirken. Wunderbar!

Der Schlachthof wird mitten im Kulturpark liegen, zu dem ihr und viele andere in jahrelangem Engagement beigetragen habt. Wie hat sich das - durchaus traditionsreiche - Gelände entwickelt und was wird in Zukunft noch gehen? Wandelt sich Wiesbaden gar von einer Kur- und Beamtenstadt in eine Kulturstadt?

Seit über 20 Jahren verändert sich das Gelände des ehemaligen Schlachthof Areals massiv. Nach Abriss unserer alten Halle wird nur noch der bereits erwähnte Wasserturm übrig sein. Statt - wie zur Gründungszeit des Kulturzentrums - von vielen brachliegenden Hallen und Häusern (und tausenden Ratten) aus 100 Jahren Industriegeschichte geprägt zu sein, zieht sich nun eine neue Straße durch das Areal und neben uns gibt es mehrere andere kulturelle /soziale Einrichtungen, darunter z.B. auch eine Skatehalle, eine weitere Kultureinrichtung namens "Kreativfabrik" oder auch der Neubau der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, in dem u.a. die FSK tätig ist. Insofern: Das Gelände ist optisch sehr sortiert geworden, aber Inhaltlich betrachtet definitiv vielfältiger, in sich kontroverser und von weit mehr Ideen geprägt. Aber ebenso wie es eine gewisse Leere hinterlässt, mit kaum einem mehr über bunte Haare, Atomkraft oder Rave Parties streiten zu können, vermissen viele natürlich das Gefühl, wenigstens optisch noch im Ghetto zuhause zu sein. Künftig primär durch inhaltliche Arbeit wirken zu müssen empfinden wir als positiv, lenkt es doch den Blick weg von Schimären wie "Alternativ, weil kaputt" hin zu tatsächlich emanzipatorischem Vorgehen - unserer Auffassung nach dringend notwendig in einer sich stetig entutopisierenden Gesellschaft. Die große Grünfläche ("Kulturpark") mit Skate Anlagen und Volleyballfeld wurde von mehreren Anrainern und NutzerInnen des Geländes ersonnen und erstritten und vor circa fünf Jahren vom Kultur- und Grünflächenamt errichtet. Zunächst wurde der Park höchst unterschiedlich, durchwegs positiv und unabhängig von den umliegenden Häusern benutzt, bis er 2009/2010 als "Revier" von Cliquen entdeckt wurde, die zwischen alkoholisierten Jugendlichen auf "Handy-Jagd" gingen. Tragischer Höhepunkt war im November 2010, als ein Jugendlicher von Mitgliedern der eigenen Bezugsgruppe zu Tode getreten wurde. Im Jahr 2011 wurden durch Polizei und Ordnungsamt die marodierenden Cliquen vertrieben, allerdings ging auch die allgemeine Frequentierung des Parkes stark nach unten. Gemeimsam mit den anderen Anrainern und dem Wiesbadener Sozialdezernat ist es in 2012 unser Ziel, den Park wieder als öffentlich rege genutzten Ort zu "relaunchen", getragen von zahlreichen Ideen die zumeist stark auf Beteiligung Dritter setzen.

Was sagt Euer Publikum zu den Veränderungen?

Vieltausendfach haben sich Menschen z.B. via Facebook für den Erhalt des Schlachthofs ausgesprochen. Ebenso wie anfänglich auch wir waren die meisten für eine Sanierung im Bestand. Auch jetzt noch, nachdem schon lange klar, ist dass eine Sanierung im Bestand nicht machbar gewesen wäre, gibt es hier und da eine gewisse Skepsis, ob der Neubau als Träger von Inhalten nicht das Wesen unserer Kulturarbeit konterkariert. Deshalb beziehen wir unser Umfeld stark in Entscheidungsfindungen ein - nach dem Motto: Wir müssen im Neubau zwar arbeiten können, aber noch viel mehr Menschen sollen freudvoll damit leben. Wir haben mit dem Künstler, der das Wiesbadener Deportationsmahnmal gestaltet hat, ebenso lange Gespräche geführt wie mit bei uns probenden Bands, unserem großem Personalstamm oder auch an ganz konkreten Punkten wie z.B. der Fassadengestaltung immer wieder mit Veranstaltungen und via Social Medias. So wurde uns z.B. bestätigt, dass Graffiti ein wesentlicher Bestandteil bleiben muss. Kurz: Ein demokratisches Mitspracherecht bei der Gestaltung dieses öffentlichen, kulturtragenden Gebäudes begreifen wir schon als wesenhaft für unsere soziokulturelle Arbeit!

Carsten, vielen Dank für das Gespräch und gutes Gelingen für den "Neustart" des Schlachthofs.

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2012 LAKS Hessen e.V, www.laks.de