nachhaltig - beflügelnd - wegweisend

Pianist und Komponist Uli Partheil im Gespräch

Die "Darmstädter Jazz Conceptions" sind eine Veranstaltung, deren guter Ruf weit über die Grenzen Hessens hinausreicht. Nachhaltigkeit, Innovation und Selbstreflektivität: praktisch erprobt wird dies alles in Darmstadt. Vor 20 Jahren rief Jürgen Wuchner erstmals zu dieser sommerlichen Arbeitswoche. Die Jazz Conceptions sind Workshops, aber sie leisten mehr, sie ermöglichen eine ganzheitliche Erfahrung mit dem Lebensmittel Musik für Teilnehmer, Dozenten und Publikum. Die Bessunger Knabenschule war immer der ideale Ort. Viele kamen, und für manche Teilnehmer blieb die Teilnahme nicht ohne Folgen. Zu ihnen gehört Uli Partheil, mit dem wir angesichts der 20 Jahre Darmstädter Jazz Conceptions - vom 4. bis 9. Juli 2011 - Rückschau und Ausschau halten wollen.

Lieber Uli, war Musik schon immer Dein Lebensthema?

Im Jahr 1990 war ich Student der Chemie und zu den ersten Darmstädter Jazz Conceptions 1991 habe ich mich als Hobby-Musiker angemeldet. Es gab in dieser Zeit schon Auftritte für mich, aber das lief zweigleisig und ich konnte mir nicht vorstellen, vom Jazz zu leben. Ich war Teilnehmer auch in den nächsten drei Jahren. Gleich zu Beginn lernte ich mit Hans Koller und Steve Lacy zwei große Dozenten kennen, die heute schon nicht mehr leben. Ich hatte nach diesen Sommerworkshops immer das Gefühl, das muß eigentlich so weitergehen. Bei einigen Teilnehmern trat manchmal Ermüdung auf, bei mir war es im Gegenteil das Gefühl, mehr davon zu brauchen. Bald wurde ich stärker eingebunden, zunächst für Aufgaben als Klavierlehrer und für Harmonielehre. So wuchs ich langsam hinein und hatte seitdem mehrere Einladungen als Dozent.

Eine Änderung in Deinem Lebensplan zeichnete sich ab?

Ja, ich begann 1995 Musik zu studieren. Ich habe von dieser Zeit sehr viel mitgenommen, gute Rückmeldungen erhalten und wichtige Musiker kennengelernt, wie Ack von Rooyen, mit dem ich noch heute arbeite. Um mich zu ernähren, arbeitete ich damals stundenweise in der Behindertenpflege.

Auch andere Teilnehmer der Darmstädter Jazz Conceptions sind später als Dozent aufgetreten...

Der Gitarrist Krzysztof Misiak wurde Dozent.

Mich fasziniert der Dozent Uli Partheil auch deshalb, weil sich in seine Gruppe häufig die jüngsten und die reifsten Teilnehmer einwählen.

Auch im letzten Jahr lag die Spanne in meiner Gruppe zwischen 14 - 80 Jahren. Hintergrund mag sein, dass ich auch andernorts Schulbigbands und Schulcombos leite. Ein Grundgedanke der Jazz Conceptions liegt ja in der schönen Idee, dass man mit ganz unterschiedlichen - musikalischen und ästhetischen - Voraussetzungen etwas erarbeitet. Das Kunststück des Dozenten besteht darin, jeden zu integrieren und dabei keinen zu unterfordern und keinen zu überfordern. Das ist auch eine soziale Aufgabe. Kommunikation auf der Bühne, Zuhören ist das Allerwichtigste. Deshalb ist das Motto dieses Sommerworkshops "Spiel in der Gruppe".

Wann und wie entstand die Jazz & Pop School Darmstadt?

Aufgrund der sommerlichen Workshops entstand die Nachfrage nach Instrumentalunterricht. Auch die benachbarte Akademie für Tonkunst hatte damals kein Angebot für Jazz und improvisierte Musik. Jürgen Wuchner und ich gründeten deshalb 1998 die Jazz & Pop School Darmstadt. Die Bessunger Knabenschule war für diese Entwicklung sehr offen und bot den notwendigen Raum an.

Wir sollten endlich auch über den Solisten und Komponisten Uli Partheil reden. Mit dem Galeano-Projekt bist Du als Gast an einigen Spielorten unseres Landesverbandes aufgetreten.

Inspiriert von Eduardo Galeano habe ich zu Geschichten aus "Das Buch der Umarmungen" eine Musik komponiert, die sich zwischen Galeanos heitere und melancholische Gedankensplitter und Geschichten fügt. Auch an diesem Projekt ist Ack von Rooyen beteiligt und der chilenische Schauspieler Peter Lehmann rezitiert auf Spanisch und Deutsch einfühlsam und spannend zugleich die Texte Galeanos.

Kann man das Galeano Projekt weiterhin buchen?

Ja, wir waren in den letzten Jahren immer unterwegs und es wird immer besser.

Wie können wir uns eine "ODENmusikWALDmusik" vorstellen?

In der "ODENmusikWALDmusik" werden einigen ausgewählten Texten Pablo Nerudas Kompositionen von Duke Ellington und von mir gegenübergestellt. Es handelt sich dabei um vier Oden und als Ursprung dieses Projektes erklingt Nerudas Hymne "Der Chilenische Wald". Das Thema Wald erlebt man hier als lyrische Würdigung des Waldes, die Aufmerksamkeit wird auf die Vielfalt gerichtet: der Wald, die Tiere, Geräusche und Stille und die Wichtigkeit des Waldes für uns.

Als Jazzpianist und Komponist wurde Dir bereits 2008 der Darmstädter Musikpreis vom Darmstädter Förderkreis Kultur verliehen.

Davon war ich sehr überrascht. Ich bin der vierte Preisträger dieses noch jungen Preises, der keine Differenzierung zwischen Neuer Musik und Jazz vorsieht. Die anderen Preisträger haben unglaubliche Karrieren hingelegt, während ich ja überwiegend in Darmstadt arbeite.

Ich bin überzeugt, der Förderkreis Kultur weiß genau, wen er ausgezeichnet hat. Mit Christopher Dell und Dir sind nun schon zwei Musiker gewürdigt worden, die auch Dozenten der Darmstädter Jazz Conceptions sind. Nach den Darmstädter Jazz Conceptions stehen in diesem Sommer und im Herbst Konzerte der UNITED COLORS OF BESSUNGEN auf dem Programm. Eine Auswahl von renommierten, in der Jazz & Pop School Darmstadt unterrichtenden Musikern bildet den Grundstock. Es sind neue und ungewöhnliche Werke von Dir und Jürgen Wuchner angekündigt.

Jürgen Wuchner lebt zur Zeit in Dakar und Darmstadt, er pendelt zwischen hier und dem Senegal und arbeitet dort u.a. mit Musikern aus Afrika. Deshalb werden wir auch Jürgens jüngste Kompositionen aufführen, die, wie ich durch dich jetzt erfahren habe, offenbar nach Lyrik von Leopold Senghor aus den Zyklen Chants de'l Ombre und Quartiers de Dakar entstanden sind. Ich bin selbst gespannt auf diese Konzerte.

Vielfältige Metren (Taktwechsel, z.B. 7/4, 5/4, 6/4) werden die neuen Stücke vom Jürgen dominieren?

Jürgen hat sich ja bereits früher mit der Musik Johnny Dyanis auseinandergesetzt und thematisiert hier u.a. die afrikanische Polyrhythmik. Ich freue mich auf die ungeradzahligen Metren (7/4, 5/4). Die Besetzung ist eine Art Doppelquartett mit dem special Guest Jon Sass an der Tuba.

Zur Vielfalt Deines engagierten Tuns gehört auch, dass man Dich häufig mit Deinen Söhnen in der Knabenschule antreffen kann?

Ja, auch Annette ist berufstätig und ich verbringe gern die Zeit mit den Kindern. Beide sind im Schülerhaus der Bessunger Knabenschule. Oskar kommt jetzt in die 5. Klasse und Leo wird noch 2 Jahre dort verbleiben...

...und beide lernen ein Instrument...

...Oskar Schlagzeug und Leo Tenorhorn. Wenn er etwas größer ist, soll aus dem Tenorhorn eine Tuba werden. Gegenwärtig freut er sich auf den Tubaspieler Jon Sass, der auch als Dozent verpflichtet wurde.

Das Umfeld der Bessunger Knabenschule hat offensichtlich Qualitäten?

Die Qualitäten bestehen in der Abwesenheit von Berührungsängsten und der Fähigkeit, über den Tellerrand zu blicken. Das ermöglicht große Anerkennung über Stilgrenzen hinweg. Die Nähe des Jazzinstituts, der Akademie für Tonkunst, des Fördervereins Jazz - alle im gleichen Stadtteil - macht die Knabenschule zu einem Ort der Begegnung für unterschiedlichste Musiker. Selbst Punk und Reggae können dabei eine Rolle spielen.

Dann war es nur folgerichtig, Vorsitzender im Trägerverein der Bessunger Knabenschule zu werden?

Vorstandsarbeit im Trägerverein der Bessunger Knabenschule mache ich schon seit mehreren Jahren. Jetzt habe ich mich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen. Wie schon gezeigt, denke ich, dass Künstler initiativ werden sollen und aktiv in den Zentren mitarbeiten. Wobei schon klar ist, dass die große Arbeitslast weiterhin von der Geschäftsführung der Knabenschule, von Bernd Breitwieser und seinen Mitarbeitern getragen wird.

Was haben all diese Veränderungen, das Betreten neuer und unbekannter Regionen, alles Vertrauen in Deine Talente mit Dir gemacht?

Für mich war und ist das das Richtige, völlig außer Frage, die richtige Entscheidung. Musiker zu sein heißt , nicht nur von Auftritten zu leben, sondern Menschen für Musik und Improvisation zu gewinnen. Die Jazz Conceptions erlauben vielen Leuten eine Entwicklung: sich selbst einzubringen und nahe an den eigenen Möglichkeiten zu sein. Es ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit und ich möchte die Teilnehmer abseits vom mainstream zu einer offenen Haltung bringen. Sich vom entmündigenden Angebot des mainstream nicht einfangen zu lassen, Vielfalt zu erfahren ist eine positive Auswirkung der Arbeit in diesem Umfeld.

Dein nächstes Projekt...

...ist das Mittagessen, das ich jetzt in der Küche des Schülerhauses zubereiten muss...

"Es gibt Pfannkuchen", verrät Uli noch, während er hurtig auf sein Birdy steigt und in Richtung Knabenschule davonfliegt.

Das Interview führte: Jürgen Leinhos © 2011 LAKS Hessen e.V, www.laks.de