Zugang für alle ist eine total unterschätzte Zukunftsinvestition

Interview mit Dr. Thomas Spies, stellvertretender Vorsitzender der SPD- Landtagsfraktion.

Im August 2011 erhielt Gero Braach den Hessischen Verdienst- orden am Bande. Gero Braach ist Geschäftsführer des KFZ Marburg, langjähriges Vorstandsmitglied (und früherer Geschäftsführer) der LAKS Hessen und Vorsitzender der Landes- vereinigung Kulturelle Bildung. Initiator der Auszeichnung ist Dr. Thomas Spies, stellvertretender Vorsitzender der SPD- Landtagsfraktion. Im Gespräch mit der LAKS äußert er sich zu seinen Beweggründen.

Thomas Spies, auf deine Initiative hin wurde Gero Braach mit dem Hessischen Verdienstorden am Bande ausgezeichnet. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Gero Braach engagiert sich seit 30 Jahren in herausragender Weise für die Soziokultur. Von Anfang gehört er zum KFZ in Marburg. Die Gründung der LAKS -Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren oder die Landesvereinigung Kulturelle Bildung waren seine Initiativen - um nur ganz wenige Beispiele aus einer ganz langen Liste zu nennen. Dabei geht es ihm nicht nur um "Veranstaltungsorganisation" oder das Vergnügen am kulturellen Genuss, sondern genauso um gleiche Chancen auf kulturelle Teilhabe. Seit Bordieus "Feinen Unterschieden" (vielleicht auch Shaws Pygmalion) wissen wir, wie Kultur und Zugang zu Kunst den sozialen Status und gesellschaftliche Chancen definiert. Sich hier dreißig Jahre lang erfolgreich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen, ist eine öffentliche Bemerkung wert, finde ich.

Nur 2.000 Personen sind gleichzeitig mit diesem Orden ausgezeichnet, und jeder Vorschlag wird in einem jahrelangen Verfahren durch viele Stellungnahmen unterfüttert und geprüft. Selbst der ordnungsgemäße Ansteckort wird geschlechtsspezifisch vorgeschrieben. Das ist also eine ernste und staatstragende Angelegenheit...

Und so soll es auch sein! "Die Ehre ist der Tugend Lohn", sagt Cicero. Wie zeichnen Leute aus, deren Verhalten wir besonders vorbildlich finden. Auszeichnungen definieren gesellschaftliche Werte, jedenfalls sollte es so sein. Im Namen des Landes, also letztlich aller Bürgerinnen und Bürger, der Gesellschaft und ihrer Institutionen wird verdeutlicht, was "ehrenwert" oder "vorbildlich" heißt. Werte halten die Gesellschaft zusammen - was also sollte für den Staat "tragender" sein? Kunst selbst ist natürlich nicht ernst und staatstragend, aber eine ernsthafte und gesellschafts- und staatsformende Angelegenheit, vor allem wenn sie frech ist, provokant, oder einfach unterhaltend. Sie nimmt als erste gesellschaftliche, soziale und intellektuelle Entwicklungen auf, macht sie sichtbar, erkennbar, deutbar. Kunst und Kultur sind zentrale Zukunftsvorbereitungsinstitution -uninstitutionell, nicht auf einfache Botschaften aus, und hoch politisch. Man muss also Kunst und Kultur sehr ernst nehmen, sie sind für das Gemeinwesen von höchster Bedeutung. Da sind dann auch mal ernste und staatstragende Symboliken ein angemessener Ausdruck. Und dass Gero für "Soziokultur" ausgezeichnet wird, zeigt, dass die Soziokultur angekommen ist, um zu bleiben - und alle haben es verstanden.

Nun ist ja der Hang freier Kulturschaffender, sich mit derlei Auszeichnungszierwerk zu behängen, nicht sonderlich ausgeprägt, um es mal vorsichtig zu formulieren. Warum hast du dennoch die Initiative ergriffen?

Ich hatte schon Sorge, ob Gero Braach den Verdienstorden überhaupt annehmen würde. Aber es geht nicht um ihn allein: Außer der persönlichen Auszeichnung wird damit die Soziokultur insgesamt für "auszeichnungswürdig" erklärt. Damit wird der kulturpolitische Anspruch der Soziokultur auch dort anerkannt und respektiert, wo man es nicht sofort erwartet. Z. B. hat sich damit die Hessische Landesregierung letztlich in der Wertschätzung von Soziokultur und ihren Ansprüchen festgelegt. Ein Fortschritt, wenn man bedenkt, dass noch vor kurzen mancher die Unterstützung für Soziokultur ganz streichen wollte. Deshalb hätte ich eine Ablehnung auch nicht akzeptiert. Und Gero sollte wenigstens zu Haushaltsverhandlungen den Orden auch anlegen....

Du kennst als Marburger, aber auch als Landtagsabgeordneter viele Einrichtungen und Akteure der Soziokultur. Welche Bedeutung misst du der Szene lokal und überregional kulturell, wirtschaftlich oder auch gesellschaftlich bei?

Denken fängt da an, wo man die gewohnten Pfade verlässt. Ohne gelegentliche Provokation - politisch, ästhetisch, intellektuell - und ohne Unerwartetes ist Fortschritt nicht denkbar. Gerade das Unkonventionelle zu suchen, zu finden und unter die Leute zu bringen, zeichnet die Soziokultur in Hessen aus. Sie sucht außerhalb des schon Gewohnten, Etablierten, der engen Wege des Mainstreams oder wirtschaftlichen Ertrags. Darin gründet ein Teil ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung. Natürlich haben Kunst und Kultur eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung , wie der hessische Kulturwirtschaftsbericht zeigt. Bei der Soziokultur besteht der wirtschaftliche "Wert" aber weniger in ihrer eigene Wirtschaftskraft - die Umsätze allein der Staatstheater sind höher -, sondern in der Öffnung von Zugang zu Kultur. Weil Interaktion und Kommunikation, also kulturelle Ausdrucksformen, selbst immer wichtiger werden, und weil innovative Kunst das Weiterdenken in allen Bereichen voranbringt, ist Zugang für alle eine total unterschätzte Zukunftsinvestition - und zwei Stunden Mal- oder Musikunterricht in der Schule reichen da sicher nicht aus.

In seiner Vita auf der KFZ-Homepage in der Rubrik "Das kann weg" nennt Gero Braach: "Politiker, denen die Hände gebunden sind und die nichts gestalten wollen". Diese Rhetorik kennen wir - zumindest auf Landesebene - leider zur Genüge. So liegt der Landesetat für Soziokultur trotz einer massiv gewachsenen Szene und eines gestiegenen Aktivitäts- und Anforderungsspektrums unter dem Ansatz von 1993, und auch die Landesvereinigung Kulturelle Bildung tut sich noch schwer. Ordenssymbolik und warme Worte ersetzen nicht annehmbare Rahmenbedingungen, gleich ob für haupt- oder ehrenamtliches Engagement. Wenn das, was Menschen wie Gero Braach tun, erwünscht ist: Warum tut sich Politik dann so schwer bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen, hier: konkret der Soziokultur oder der Kulturellen Bildung auf Landesebene in Hessen.

Erstens reduzieren zu viele Leute auch in der Politik Kultur - und gerade Kultur außerhalb der gewohnten, etablierten und quasi-amtlich für "gut, weil alt" erklärten Kunst - auf ein Sahnehäubchen. Das ist ein Irrtum (siehe oben), aber ein verbreiteter. Zugang ist eben nicht selbstverständlich. Zweitens ist Kunst (gerade in den Soziokulturellen Zentren) eben auch irritierend, verstörend, provozierend und soll es auch sein. Das erzeugt Verunsicherung. Es kann unmöglich einfach sein, die angemessene Förderung von Soziokultur mal eben durchzusetzen. Natürlich ersetzen auch Orden keine angemessene Förderung, aber sie helfen auf dem Weg dahin: Wer so auszeichnet, tut sich schwerer, anschließend nicht zu unterstützen - gerade mit den "Hände-gebunden-Ausreden". Das war auch ein Stück meiner Motivation für genau diesen Vorschlag: mehr Verstehen dafür erzeugen, dass "nicht-angepasst" alle voranbringt. Hat offenbar geklappt.

Thomas Spies, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2011 LAKS Hessen e.V, www.laks.de