"Das ist eine typische Frage, auf die man nicht mit ja oder nein antworten kann"

Im Interview: Bernhard Günther

"mica" steht für "music information center austria". Das mica mit Sitz in Wien dient als Servicezentrum für die Interessen der in Österreich lebenden Musikschaffenden quer durch alle musikalischen Genres. Ein Interview mit Kurator Bernhard Günther von mica über die Verhältnisse von E- und U-Musik, von kritischem Impetus und Musik, von Traditionspflege und Innovation. Weitere Infos zu mica finden Sie hier.

frage: Das mica hat sich die Förderung zeitgenössischer Musik Österreichs zum Ziel gesetzt. Was heißt für euch zeitgenössisch?

mica: Es gibt traditionell einen engen Begriff von "zeitgenössischer Musik", der sich ausschließlich auf komponierte Kunstmusik bezieht. Wir verbinden mit unserer Arbeit eher mit dem weit gefassten Begriff. Bei uns ist "zeitgenössisch" keine genrebezogene Einschränkung, sondern ein zeitliches Kriterium. Unabhängig von Stil und Genre sehen wir unsere Aufgabe darin, mehr Kontakte zwischen Musikschaffenden und dem Markt (was auch immer das im Einzelfall ist) herzustellen. Stilistische Gewichtungen ergeben sich dabei nicht zuletzt aus der Nachfrage nach unseren Services. So kommt es, dass beispielsweise Schlager bei uns nur am Rande vorkommt. Im Bereich komponierter Kunstmusik genauso wie bei Jazz und improvisierter Musik werden unsere Services hingegen sehr intensiv genutzt. Dabei ist "Jazz" natürlich ein sehr ausdifferenziertes Feld, in dem sich jenseits von afro-amerikanischen Wurzeln viele europäische Stile entwickelt haben, die kaum noch unter diesem Begriff zu fassen sind. Und nicht zuletzt unterstützen wir auch im Bereich der Pop-Musik zahlreiche junge Bands, denen wir den Markteintritt erleichtern.

frage: Euer Ansatz und eure Aufgabe, so wie du sie dargestellt hast, scheinen mit ihrer Reichweite die Kategorien e- und u-Musik nicht mehr zu kennen. Würdest du sagen, dass eine solche Unterscheidung tatsächlich unzeitgemäß geworden ist?

mica: Das ist eine typische Frage, auf die man nicht mit ja oder nein antworten kann. Natürlich wird eine solche Unterscheidung nach wie vor gemacht, z.B. in Rundfunkanstalten, ebenso wie es derlei Etikettierungen natürlich in Plattenläden gibt. Zudem strukturieren diese Kategorien natürlich Wirklichkeit und sind damit einfach real. Wir haben aber unsere "Musikabteilungen" - "Jazz und improvisierte Musik", "zeitgenössische Musik" und "Pop" - 1999 aufgelöst. Nicht zuletzt deshalb, weil ein großer Teil des heute entstehenden Repertoires nicht eindeutig in eine solche Kiste einzuordnen ist. Trotzdem arbeiten wir mit diesen Differenzierungen weiterhin, soweit sie in bestimmten Zusammenhängen funktionieren. Es geht schließlich nicht darum, dass in heutiger Musik alles nur noch Eins wäre und man nichts mehr unterscheiden kann. Wir versuchen aber, nicht einfach eingeschliffene Differenzierungen zu übernehmen, sondern auf einen Begriffswandel einzugehen, der sich zur Zeit abspielt. Und in vielen Fällen werden diese "Kisten" von KomponistInnen tatsächlich als Einschränkung erfahren, weil sie mit ihrem Schaffen und ihrem Denken zwischen allen Stühlen sitzen. Selbst wer heute ein Streichquartett komponiert, möchte nicht unbedingt mit Arnold Schönberg oder anderen Vorgängern aus vergangenen Zeiten in einen Topf geworfen werden.

frage: Ist die Auflösung der Kategorien e und u ein reales ästhetisches Phänomen, weil sich die Stile überschneiden?

mica: Stilistisch gesehen immer nur Überschneidungen zu konstatieren ist ein bisschen wenig. Auch der Cross-over der 80er Jahre als vermeintlicher Mix war ein eigener Stil und als solcher erkennbar. Letztlich blieb bei dieser Sorte Mix das Denken in alten Stilen und "Kisten" erhalten. Und da sehe ich längst eine Auflösungstendenz. Es gibt zunehmend MusikerInnen, die sich nicht auf einen Stil festlegen lassen wollen und für ihre Arbeiten jeweils neu bestimmen, wie sie aussehen sollen. Es ist nicht so, dass sich die Stile durchmischen, aber die Flexibilität für ein Wandern zwischen Stilen hat sich erhöht. Nur weil ein Stück von der gleichen Person komponiert wurde, muss es nicht gleich klingen und in die gleiche Kiste gehören. Die Notwendigkeit zur Differenzierung ist also eher größer als kleiner geworden. Vor allem aber finde ich es entscheidend, nicht immer nur auf die ästhetische, stilistische Ebene von Musik zu hören: Musik fügt sich heute in ein neues Geflecht aus Kunst, Medien und Unterhaltung. Es ist von entscheidender Bedeutung, wie Musik sich hier positioniert. Und eine schlechte Basis ist hierfür das Fixieren der Unterteilung in e- und u-Musik. Denn das hätte zur Folge, dass Musik zur bloßen Museumsabteilung und das Konzert zur reinen Traditionspflege verkommt.

frage: Da lehrt doch die Postmoderne der idealistischen Ästhetik das Fürchten. Vor lauter Pragmatismus ist hier von Erkenntnisfähigkeit der Musik nicht mehr die Rede und der Maßstab zur Kritik von Musik wird beliebig.

mica: Hinter der idealistischen Ästhetik steckte ja das Bild von absoluter, autonomer Musik, die keinen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Zwängen unterworfen sei und trotzdem, eigentlich fast paradox, eben Erkenntnis vermitteln sollte. Wichtig ist es, hier die Veränderung dieser historischen Vorstellung einer "Autonomie von Kunst" zu berücksichtigen. Das Problem ist ja heute nicht mehr, dass Musik und die Rezeption von Musik von außermusikalischen Einflüssen befreit werden müsste. Die Problemstellung ist doch eher die, dass Musik zum nebensächlichen Hintergrundgedudel verkommt, wenn ihr nichts Besseres einfällt. Sie steht in Konkurrenz zu vielen anderen Wahrnehmungsangeboten. Da kann eine Position, die weiterhin auf Autonomie pocht und alle anderen Einflüsse außen vor lassen will, nicht mehr aufrechterhalten werden.

frage: Werden aber nicht die Kisten e- und u durch die Kulturpolitik ständig reproduziert?

mica: Die Vertreter der Autonomie sind auch im Einzugsbereich der Kunstmusik im Schwinden begriffen. Auch der musikwissenschaftliche Diskurs hat sich längst der Popmusik angenommen, während die Untersuchung mittelalterlicher Vokalpolyphonie hingegen etwas unter Legitimationszwang geraten ist. Nicht zuletzt deshalb, weil es diese vermeintliche Autonomie von der Gesellschaft einfach nicht gibt. Das hat in der Kulturpolitik zuweilen seltsame Konsequenzen. Auf der einen Seite ist es durchaus so, dass die öffentliche Förderung nach wie vor schwerpunktmäßig im Bereich der traditionellen Musikpflege, die sich eben dieser autonomen Kunst verschreibt, betrieben wird. Auf der anderen Seite sinken die Mittel, die Komponisten der neuen Musik zur Verfügung stehen, obwohl die sich vielfach auf ebendiese Tradition autonomer Kunst berufen können. Das ist auf den ersten Blick paradox. Der kulturpolitische Text hierzu lautet immer öfter: "Neue Musik ist gesellschaftlich nicht relevant und stellt sich ihrer diesbezüglichen Verantwortung nicht oder nicht genügend". Zum einen findet hier offensichtlich jene Autonomie-Vorstellung, die mit der Separierung von e und u einherging, ihre kulturpolitischen Grenzen, und zum anderen entbehrt diese Argumentation spürbar eines emphatischen Kunstbegriffs. Wenn man heutzutage beispielsweise den österreichischen Staatssekretär für Kunst und Medien nach Kunstpolitik fragt, wird vom Begriff "Kunst" sehr schnell zum Begriff "Creative industries" übergegangen. Das scheint mir (auch über Österreich hinaus) schon fast der kulturpolitische Mainstream zu sein: "Kunst" wird durch "Kreativität" abgelöst, die ihrerseits als verkaufsfördernde und wertsteigernde Ingredienz interessiert. Wirtschaftliche Aspekte treten nicht nur von seiten des Marktes, sondern auch von seiten der Kulturpolitik gegenüber einer isolierten "Kunstbetrachtung" immer mehr in den Vordergrund. Diese generelle kulturpolitische Schwerpunktverlagerung ist ein weiterer Grund dafür, dass es aus der Perspektive des mica - als einer Serviceeinrichtung, die Musikschaffenden in den aktuellen Arbeitsbedingungen Hilfestellung geben soll - keinen Sinn mehr ergibt, einen Zwist zwischen e und u weiter zu kultivieren. Denn erstens ist dieser Konflikt nicht mehr vermittelbar und widerspricht den Rezeptionspraktiken des Publikums. Zweitens sind beide Sphären ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen ausgesetzt, die sie gleichermaßen betreffen und bei denen es wichtig ist, sie gemeinsam anzugehen. Das fängt bei den profanen, aber existentiellen ökonomischen Problemen an - wie ist die Sozialversicherung geregelt, wie funktioniert die Besteuerung ausländischer KünstlerInnen, wie komme ich an Aufträge und Auftritte. Diese Fragen sind aus der Perspektive des mica viel relevanter als die Diskussion ästhetischer Differenzen zwischen e- und u-Musik.

frage: Würdest du sagen, dass die Kriterien von e- und u eher durch ein Kontinuum von guter zu schlechter Musik abgelöst worden sind?

mica: Es gibt so viele Möglichkeiten, auf diese Frage eine Antwort zu finden, die vor allem vom Kontext abhängen, in dem sich die jeweilige Musik gerade befindet, dass es auf diese Frage keine allgemeine Antwort gibt.

Das Interview führte: Stefan Neubacher © 2002 LAKS Hessen e.V, www.laks.de