Kulturbeiratswahl Wiesbaden: Kultur muss anecken, provozieren und Grenzen überschreiten dürfen

Die Stadtverordnetenversammlung hat sich entschieden, einen Kulturbeirat einzurichten. Zielsetzung ist die Stärkung des kulturellen Lebens in Wiesbaden und ein vielfältiges Miteinander der zahlreichen kulturellen Aktivitäten zu fördern. Der Kulturbeirat soll als unabhängiges Gremium den für Kulturangelegenheiten zuständigen Ausschuss der Stadtverordnetenversammlung beraten und unterstützen und zu kulturpolitisch relevanten Vorhaben Stellung nehmen.

Dem Kulturbeirat werden 25 Personen aus Politik und den verschiedenen Genres der Kultur angehören. Von den 25 Sitzen des Kulturbeirates werden acht Sitze durch Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverordnetenfraktionen besetzt. Je einen Sitz erhalten das Hessische Staatstheater Wiesbaden, die Volkshochschule Wiesbaden e. V., das Museum Wiesbaden - Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, die Industrie- und Handelskammer Wiesbaden sowie die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Direkt gewählt werden zwölf Kultur schaffende Bewerberinnen und Bewerber, die für acht Sparten kandidieren.

Auch Akteurinnen und Akteure aus den soziokulturellen Zentren Wiesbadens stellen sich zur Wahl. Im Interview mit der LAKS äußert sich Hendrik Seipel-Rotter über die Motivation und Hintergründe ihrer Bewerbung.

 

Welche Ideen, Perspektiven, Wünsche oder Forderungen verbindest du mit dem Kulturbeirat?

Der Kulturbeirat soll kein Lobbyclub werden in dem die Mitglieder nur für sich selbst oder ihr Haus streiten. Gefragt sind Akteure, die kulturelle Erfahrungen mitbringen, über den eigenen Tellerrand hinaus schauen können und Wiesbadens Kultur insgesamt entwickeln wollen.

Ich wünsche mir, dass der Kulturbeirat sich nach außen öffnet und Beteiligung auch über den Kreis des Beirats hinaus möglich macht, beispielsweise durch offene Arbeitsgruppen.

 

Für welchen Bereich kandidierst du? Warum für diesen Bereich?

Ich kandidiere für den Schlachthof auf einem spartenfreien Platz und verstehe dies auch als spartenübergreifendes Engagement für eine bunte und vielfältige Kultur in Wiesbaden.

 

Was war ausschlaggebend für deine Bewerbung?

In Zeiten, in denen in Europa die Menschen zunehmend wieder rechtskonservativ und national wählen, ist es wichtiger denn je sich auf eine gemeinsame, offene und freiheitliche Wertebasis zu berufen. Denn nur eine Gesellschaft, die sich dieser Werte bewusst ist und diese auch selbstbewusst vertritt kann Vielfalt integrieren und als Bereicherung begreifen. Es ist kein Zufall, dass Despoten stets versuchen Zugänge zum Internet, Presse- und künstlerische Freiheiten einzuschränken. In der Literatur, der Kunst, dem Film, der Musik oder dem Theater entstehen die Visionen und Utopien von Übermorgen. Kultur muss anecken, provozieren und Grenzen überschreiten dürfen. Nur so können sich Gesellschaften weiterentwickeln. Dafür muss die Politik die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen und ich will im Kulturbeirat dafür einstehen.


Was möchtest du in den Kulturbeirat einbringen?

Kultur erhöht die Lebensqualität und ist in vielerlei Hinsicht ein Standortfaktor. Aber auch ganz ohne Umwegrentabilität vor Augen, muss geplante, gerechte, transparente und für alle nachvollziehbare Kulturförderung eines der wichtigsten Ziele der Politik sein. Denn Kultur ist mehr als Unterhaltung. Kultur ist ein Think Tank, in dem Visionen kreiert werden, lange bevor sie in der Realität Wirklichkeit werden. Förderung in vielfältige, interkulturelle Kulturangebote ist damit eine Investition in die Zukunft des Gemeinwesens.

 

Was sind deine beruflichen und / oder biographischen Hintergründe?

Ich bin seit 19 Jahren im Schlachthof Wiesbaden und zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Kulturzentrums und seiner rund 420 Veranstaltungen im Jahr.

Von 2011 bis 2016 war ich Stadtverordneter in Wiesbaden und habe mich dort vor allem in den Bereichen Beteiligung und Teilhabe, Transparenz und den freien Zugang zu Information und Wissen engagiert.

 

Du bist bereits im Arbeitskreis Stadtkultur aktiv. Was verbirgt sich dahinter und was waren bzw. sind eure Aktivitäten?

Der AK ist ein Zusammenschluss von mehr als 30 Kulturinstitutionen. Er beteiligt sich an der aktuellen politischen Diskussion und entwirft kulturpolitische Visionen. Er macht sich seit 14 Jahren für eine gerechte, nachhaltige und transparente Verteilung von Fördergeldern stark und fordert mehr Mitsprache der Kulturschaffenden in der Kulturpolitik. Außerdem bietet er eine Plattform für einen regen Austausch der Kulturschaffenden untereinander. Der Schlachthof engagiert sich dort schon seit der Gründung des AKs. Weitere Infos zum AK Stadtkultur gibt’s unter: www.ak-stadtkultur.de.

 

Möchtest du sonst noch etwas loswerden?

Die Wahl findet ausschließlich per Briefwahl statt. Die Wahlunterlagen werden nicht automatisch zugeschickt, sondern müssen beantragt werden. Dies geht noch bis zum 10. April 2018.

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2018 LAKS Hessen e.V, www.laks.de