Dosen, Äpfel, Steine - jetzt weiß ich, was ich meine...

Portrait: Daniel Wittich

Nein, mit Opa Wittich, dem Altnazi-Onkel von Mutter Beimer aus der Lindenstraße, hat er - außer dem Nachnamen - nicht viel gemeinsam. Denn zum einen würde sich Opa Wittich politisch kaum im Schlachthof Wiesbaden wiederfinden, zum anderen ist Daniel Wittich auch ein wenig jünger: Gerade 23 Jahre jung, ist er doch schon ein alter Hase in Sachen Soziokultur. Denn seit mittlerweile sieben Jahren ist er bereits im und um den Schlachthof Wiesbaden aktiv.

Der sah damals noch ganz anders aus. Denn wo heute ein weitestgehend ausgebautes Soziokulturzentrum mit Büroräumen, großer und kleiner Veranstaltungshalle, Backstageräumen, Cateringküche, vielen Bandproberäumen und diversen Werkstätten sowie einem großen Freigelände mit einer Graffiti-"Hall of Fame" und diversen Halfpipes zu finden ist, gab es damals nur eine große, leere Halle. In der ließ es sich gut abhängen und dem Nichtstun frönen, was auch in einer Landeshauptstadt ein für Jugendliche nicht gänzlich unwichtiger Faktor von Lebensqualität ist. Mit dem Nichtstun war es dann aber bald vorbei. Denn im Jahr 1994 wurden für ein Festival ehrenamtliche Helfer gesucht. Und so fand sich Daniel als Teil der Parkplatzcrew beim Autos dirigieren wieder, während auf der Bühne "Paddy goes to Holyhead" bei dem bis dahin größten Projekt der noch jungen Initiative "KuK", dem "Kultur- und Kommunikationszentrum", für Zufriedenheit unter dem überwiegend jungen Publikum sorgte.

Das war der Einstieg, und kurz darauf wurde der 16jährige gefragt, ob er denn nicht Interesse an einer stärkeren Mitarbeit habe. Die hatte er, so dass er sich bald im wöchentlichen Plenum wiederfand. Dort hat er zwar "ein Jahr da gesessen und nix kapiert", was ihn aber nicht daran hinderte, zusätzlich Veranstaltungen zu betreuen, Theken- oder Kassendienst zu schieben und bei Bauarbeiten zu helfen. Im Plenum ist er zwar auch heute noch, seine große Liebe jedoch lernte er in dem damals noch kleinen Schlachthofbüro kennen: den Computer.

Dies galt umso mehr, als 1995 ein neuer Computer angeschafft wurde. Und zwar keine DOSe, sondern ein Apple Macintosh: "Der war dann ein halbes Jahr lang meine Freundin und mein einziger sozialer Kontakt". Freunde und auch Schule wurden nicht nur ein wenig vernachlässigt, was sich aber rechtzeitig legte, so dass Daniel erst einmal seinen Waldorf-Schulabschluss machen konnte. Doch während seine Mitschüler noch den Abschluss feierten, saß Daniel schon wieder auf seinem Motorroller auf dem Weg zum Schlachthof. Bis zu seinem Zivildienst, den er in einem Krankenhaus leistete, werkelte er bis zu 80 Stunden pro Woche im Schlachthof. Ausgestattet mit Tatendrang, Neugierde, Hartnäckigkeit, einem Buch und vielen "dummen Fragen" eignete er sich reichlich Fachwissen über Computer- und Netzwerktechnik, über MacIntosh-Computer, über das Gestalten von Homepages oder über Telekommunikation an und ist seitdem der Systemadministrator und IT-Experte des Schlachthofs. Immer noch.

Doch die Zeit ist mittlerweile knapp, denn das in der Freizeit erworbene Wissen erwies sich im Nachhinein als die Qualifikation überhaupt für seinen beruflichen Werdegang. Wobei "Gang" die Entwicklung nur unzureichend beschreibt, denn während Daniel noch befürchtete, sich als Bürokaufmann im Krankenhaus bewerben zu müssen, erwiesen sich seine Internet- und Mac-Kenntnisse sowie die im Schlachthof gepflegten Sozialkompetenzen wie Teamfähigkeit oder Verantwortungsbewusstsein als schneller Türöffner in die begehrte Werbewelt: Daniel bekam eine Ausbildungsstelle als Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Und noch während seiner Ausbildung, nämlich im 2. Lehrjahr, kam ein weiteres Angebot, und zwar vom Leiter einer Frankfurter Werbeagentur, der Daniels Arbeit schon seit geraumer Zeit beobachtet hatte. Ein verlockendes Angebot, doch eine Entscheidung für Frankfurt wäre auch eine Entscheidung gegen seine Freunde, eine Entscheidung gegen den Schlachthof gewesen, denn halbe Sachen sind Daniels Sache nicht. Doch nach drei Monaten inneren Ringens entschied sich Daniel für Frankfurt. Und kaum ein Jahr später kam der nächste Sprung: Besagter Chef ging nach Hamburg, dem Mekka der deutschen Werbebranche, und Daniel wollte er mitnehmen. Doch das war dann doch des guten zuviel, und Daniel entschied sich, vor Ort zu bleiben. Um sich dort als Nachfolger seines bisherigen Chefs wiederzufinden.

Übrigens: Seine formale Ausbildung hat er im Juni 2001 abgeschlossen. Karrieremäßig könnte Daniel jetzt also voll durchstarten, "aber ich will dem Schlachthof verbunden bleiben, weil ich in mir selber eine Art Verpflichtung fühle. Das ist schwer zu beschreiben. Aber alles, was mein Leben ausmacht, vom Job bis hin zu meiner WG - hier hab ich den Üni, den ich anfangs gar nicht leiden konnte - kennengelernt, liegt hier begründet. Wiesbaden ohne acht Jahre Schlachthof kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Wer weiß, wie sich die Stadt oder wie ich mich entwickelt hätten. Man kennt ja mittlerweile jeden Stein hier, und zu jeder Ecke des Geländes hat man eine Geschichte im Kopf. Hier habe ich ´rausgefunden, was ich eigentlich will und was ich nicht will." Doch das mit dem Wollen ist so eine Sache. Denn während Daniel binnen Kürze beruflich einiges geschafft hat, bleibt ihm momentan entsprechend wenig Zeit, sich in seiner Freizeit im Schlachthof zu engagieren. Zumal die Lust auf das Hobby ein wenig gedämpft ist, wenn man das Hobby quasi zum Beruf gemacht hat.

Doch Aufhören ist für Daniel keine Alternative, Besserung verspricht er sich u.a. von einem Auto, das mehr zeitliche Möglichkeiten schaffen soll. Und was sein wird, wenn er eines Tages doch einmal dem Lockruf der großen, weiten (Werbe-)Welt folgen sollte, ist auch klar: "Ich würde mir kein Pendant zum Schlachthof suchen, sondern versuchen, von dort aus weiter für den Schlachthof zu arbeiten. Eine Internet-Seite kann man ja auch von Kapstadt aus machen." Aber vielleicht liegt die berufliche Zukunft ja nicht in Frankfurt, Hamburg, Kapstadt oder New York. Sondern doch im Schlachthof Wiesbaden.

Time will tell...

Bernd Hesse

Das Portrait findet sich auch in der aktuellen Ausgabe des INFODIENST SOZIOKULTUR, der Zeitschrift der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren, Potsdam. Kontakt: www.soziokultur.de

Das Interview führte: Bernd Hesse © 2002 LAKS Hessen e.V, www.laks.de